– eine weibliche Spur im Kollektiven –
Es gibt ein Muster, das sich nicht laut ankündigt.
Es kommt leise. Über Jahre. Über Jahrzehnte.
Und es tarnt sich gut.
Ich werde gesehen.
Ich werde bewundert.
Ich werde aufgesucht.
Und doch werde ich nicht gewählt.
Nicht wirklich.
Ich werde gesehen, solange ich Projektionsfläche bin.
Solange andere in mir etwas finden dürfen, das sie suchen.
Solange ich Raum öffne, Spannung halte, Erfahrung ermögliche.
Ich werde nicht gewählt, sobald ich Subjekt werde.
Sobald ich einen Preis habe.
Eine Grenze.
Eine klare Position.
Das ist kein persönliches Versagen.
Es ist ein kollektives Muster.
Ein altes weibliches Feld.
Über Generationen haben Frauen gelernt,
Räume zu halten,
Beziehungen zu tragen,
Spannung auszubalancieren,
ohne selbst zur Bedingung zu werden.
Gesehen zu werden – ja.
Gewählt zu werden – nur, solange sie verfügbar bleiben.
Auch ich habe dieses Feld über Jahrzehnte perfektioniert.
Nicht aus Dummheit.
Nicht aus Naivität.
Sondern aus Überlebensintelligenz.
Ich habe früh gelernt,
wie man präsent ist, ohne zu fordern.
Wie man Tiefe anbietet, ohne sich selbst ganz hineinzulegen.
Wie man Bedeutung erzeugt, ohne Anspruch zu erheben.
Mein unbewusstes Angebot lautete oft:
„Ich öffne Räume, halte Spannung, ermögliche Erfahrung –
und nehme mich selbst dabei zurück.“
Das wirkt.
Es wirkt charismatisch.
Faszinierend.
Großzügig.
Besonders.
Menschen fühlen sich gesehen.
Bewegt.
Berührt.
Und doch liegt darin eine stille Selbstabwertung.
Kein Gedanke.
Kein Satz.
Eher ein Grundton, der tief im Kollektiven verankert ist:
„Das Eigentliche, was ich bin und weiß,
ist nicht marktfähig.
Nicht haltbar.
Nicht bezahlbar.“
Solange ich gebe, ohne zu verlangen, bleibe ich sicher.
Sobald ich benenne, was mein Raum wert ist,
beginnt das Zögern.
Der Rückzug.
Das höfliche Lob ohne Konsequenz.
Das ist der blinde Fleck.
Nicht, dass ich zu viel gebe.
Sondern, dass ich mich selbst zu lange ausklammere.
Vielleicht beginnt etwas Neues genau dort,
wo weibliche Präsenz sich nicht mehr opfert,
um gehalten zu werden.
Wo Tiefe nicht mehr verschenkt wird,
sondern getragen.
Wo das Weibliche nicht mehr Projektionsfläche ist,
sondern Ursprung, Maß und Grenze zugleich.
Wo mein Dasein selbst –
nicht nur der Raum, den ich öffne –
gewählt werden darf.