Die Würde des Nicht-Funktionierens

Da bleiben, wenn ich wegdrifte

Vielleicht kennst du diesen Zustand:
Du bist nicht traurig.
Aber auch nicht lebendig.
Etwas zieht sich zurück.
Die Welt wird leiser, ferner, diffuser.
Und mit ihr dein innerer Antrieb.

Oft nennen wir das Lethargie,
Antriebslosigkeit oder Sinnverlust.
Und fast immer versuchen wir,
da möglichst schnell wieder herauszukommen.

Doch was, wenn dieses Wegdriften kein Fehler ist?
Was, wenn es eine Schutzbewegung ist?

Ein innerer Rückzug,
wenn zu viel unsicher wird.
Wenn Sinn bricht.
Wenn Verbindung wegfällt.
Wenn das Leben gerade keine klare Antwort gibt.

Manchmal zieht sich die Lebenskraft zurück,
nicht um zu verschwinden,
sondern um nicht zu zerreißen.

Das Schwierige ist:
In solchen Phasen verlieren wir oft
nicht nur Motivation,
sondern auch die Beziehung zu uns selbst.
Wir funktionieren nicht mehr –
und beginnen, uns dafür innerlich zu verlassen.

Vielleicht geht es dann nicht darum,
wieder lebendig zu werden.
Sondern darum, da zu bleiben.

Da zu bleiben,
auch wenn nichts zieht.
Auch wenn nichts ruft.
Auch wenn nichts Sinn macht.

Da zu bleiben heißt nicht,
sich zu aktivieren.
Es heißt, sich nicht zu beschämen.
Nicht zu drängen.
Es nicht weghaben zu wollen.

Es heißt, wahrzunehmen:
So ist es gerade.

Re-Kontakt beginnt nicht mit Bewegung,
sondern mit Anwesenheit.
Mit einem leisen inneren:
Ich bin hier.
Auch jetzt.
Auch so.

Vielleicht merkst du,
dass du wegdriftest,
wenn alles egal wirkt.
Wenn Zeit verschwimmt.
Wenn dein Körper schwer wird.
Wenn Gedanken flacher werden.

Das sind keine Warnzeichen,
sondern Hinweise.
Ein Teil von dir schützt dich.

Es sind alte Schutzbewegungen,
die automatisch ablaufen,
weil sie dich in deiner frühen Zeit
haben überleben lassen.

Diese Schutzmechanismen wollen
nicht beseitigt werden,
sondern ins Bewusstsein kommen.

Nicht, damit sie verschwinden,
sondern damit gesehen werden kann,
was sich hinter ihnen verbirgt.

Es gab Zeiten,
in denen sie dich am Leben gehalten haben.

Nicht die Mechanismen an sich
sind intelligent –
sondern du warst intelligent genug,
sie zu deinem Schutz zu entwickeln.

Und jetzt laufen sie weiter, automatisch,
auch wenn die Situation eine andere ist.

Das mitzubekommen,
ohne einzugreifen,
ist Selbstbegleitung.

Und es ist Selbstbegegnung,
wenn du dich selbst hinter dem Schutz spürst.

Und vielleicht kannst du dann,
für einen Moment,
nichts tun –
außer da zu bleiben.

Nicht, um etwas zu verändern.
Sondern um dich nicht zu verlieren.

Manchmal kommt Sinn nicht,
weil wir ihn suchen.
Sondern weil wir nicht weggegangen sind.

Vielleicht ist das genug.
Für jetzt.