Es gab eine Zeit, da habe ich vieles übergangen.
Sätze, die mich innerlich zusammenzucken ließen.
Deutungen über mich, die sich nicht stimmig anfühlten.
Erwartungen, die stillschweigend voraussetzten, dass ich mehr tragen würde, als mir wirklich entspricht.
Ich habe das lange für Professionalität gehalten.
Für Souveränität.
Für die Fähigkeit, ein Setting zu halten.
Heute sehe ich etwas anderes darin.
Ein Übergehen meiner selbst.
Gerade im Kontext von Dominanz und Submission taucht immer wieder eine Sehnsucht auf, die ich lange nicht recht einordnen konnte: die Sehnsucht nach völliger Selbstabgabe. Nach Total Power Exchange. Nach dem Wunsch, alle Verantwortung abzugeben und vollständig geführt zu werden.
Einige Männer formulieren das als tiefste Hingabe.
Als Befreiung und Erfüllung.
Und ich merke: In mir löst das oft Irritation aus.
Manchmal sogar Unlust oder Wut.
Lange dachte ich, ich müsste das besser verstehen. Oder mich weiter öffnen dafür.
Heute erkenne ich: Meine Reaktion ist auch eine Information.
Denn ich spüre sehr deutlich, wann mir die ganze Verantwortung zugeschoben wird.
Mein Körper merkt sofort, wenn ein Gegenüber nicht mehr als erwachsener Mensch vor mir steht, sondern als jemand, der sich selbst aus der Verantwortung nimmt.
Dann entsteht ein Ungleichgewicht.
Und das fühlt sich schwer an.
Ganz anders ist es, wenn zwei Menschen bewusst miteinander spielen. Wenn Verantwortung geteilt bleibt.
Wenn jeder für sich selbst steht und dennoch freiwillig in eine Dynamik eintritt.
Dann entsteht Spannung zwischen zwei Erwachsenen. Nicht eine Last, die einer alleine tragen muss.
Ich habe mich immer gefragt: Woher kommt diese Sehnsucht bei so vielen Männern?
Vielleicht ist das ein kollektives Thema unserer Zeit.
Wir leben in einer Kultur, die sich als aufgeklärt versteht, in der jedoch alte patriarchale Strukturen weiterwirken. Männer tragen oft enorme Verantwortung und Kontrolle im Alltag. Manchmal entsteht daraus die Sehnsucht, diese Last vollständig abzugeben.
Ich kann diese Sehnsucht respektieren.
Aber ich muss sie nicht teilen.
Der entscheidende Satz in meinem eigenen Prozess war ein ganz einfacher:
Ich will mich selbst nicht mehr übergehen.
Das bedeutet nicht, andere zu verurteilen. Es bedeutet nur, meine eigene innere Wahrheit ernst zu nehmen.
Vielleicht gibt es auch in mir noch blinde Flecken. Vielleicht zeigt mir diese Dynamik noch etwas über mich.
Das darf sein.
Aber eines weiß ich heute sehr klar:
Ich kann eine Rolle spielen, ohne mich selbst zu verlieren.
Ich kann führen, ohne die Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen zu übernehmen.
Und ich kann eine Dynamik jederzeit verlassen, wenn sie mich von mir selbst entfernt.
Das fühlt sich nicht hart an.
Es fühlt sich vor allem eines an: befreiend.