Nachklang Gespräch mit Jürgen

Im Nachhinein wird mir deutlich, worum es in diesem Gespräch ging.
Um Verantwortung.

Männer seiner Generation, jung in den 80er-Jahren, wuchsen früh in tragende Rollen hinein.
Beruflich, familiär, gesellschaftlich.
Frühe Verantwortung: Beruflicher Leistungsdruck Ernährerrolle, Entscheidungsträger. Dabei kaum emotionale Spiegelung


Verantwortung war dauerhaft präsent.
Sie strukturierte den Alltag, formte das Selbstbild. Die innere Spannung, die dabei entstand, hatte ihren Ursprung bereits in der kindlichen Prägungsphase. Zumindest weiß ich das aus heutiger Sicht.

BDSM erscheint mir in diesem zeitlichen Kontext als ein bewusst gesetzter Raum.
Ein Raum mit klaren Bedingungen, in dem Verantwortung für eine begrenzte Zeit übergeben werden konnte.
Der Rahmen blieb gewählt.
Die Struktur hielt.

Daraus entstand eine Art sicherer, geführter Raum, der tiefe Entlastung ermöglichte.
Das Tragen setzte aus.
Die innere Spannung durfte sich für eine Zeitlang lösen.

Es ging um ein zeitweises Zurücktreten aus der Führungsposition.
Um ein Innehalten innerhalb einer Ordnung, die sonst wenig Pausen kannte.

Rückblickend wirkt BDSM wie ein stiller Nebenraum innerhalb einer sehr festen gesellschaftlichen Struktur.
Ein Ort, an dem sich etwas bewegen durfte, Ohne das Selbstbild des leistungsfähigen Mannes zu zerstören.

BDSM war kein Gegenentwurf zur Männlichkeit –
sondern ein Ventil innerhalb eines rigiden Männlichkeitsbildes.

Heute sind die äußeren Formen durchlässiger geworden.
Rollen sind beweglicher.
Gleichzeitig fehlt häufig Orientierung.

Vielleicht zeigt sich hier ein Teil der gegenwärtigen Unruhe.
Als kollektive Erfahrung.
Doch dazu an anderer Stelle.

Das Gespräch mit J. hat mir jedenfalls gezeigt, wie viel sichtbar wird, wenn Macht, Hingabe und Verantwortung aus der Erfahrung heraus betrachtet werden.
Im Gespräch auf Augenhöhe, im ehrlichen Austausch.
Im Nachspüren dessen, was lange wortlos getragen wurde.